Cape Epic, 2. Teil

5. Tag: Zeitfahren

Nach dem Prolog-Zeitfahren und den ersten drei langen Etappen stand ein weiteres Zeitfahren über 30 km mit gut 700 m Steigung an. Die Strecke führte über flowige Single- und Double-Tracks. Gestartet wurde alle 30 Sekunden. Unsere Beine fanden den Start, obwohl flach, nicht so toll und die Säure schoss trotz dem Einfahren vorher voll ein. Doch das legte sich
zum Glück rasch. Wir wollten die Sache regelmässig und nicht zu schnell angehen, aber Chrige fühlte sich gut und gab Vollgas – bergauf und -ab. Ich fuhr beeindruckt hinterher und konnte nur in den drei steilsten Abschnitten wirklich behilflich sein, als ich mit beiden Velos raufrannte, damit sie sich etwas erholen konnte. Nach einer coolen Schlussschlaufe auf einem kurvigen Singletrail mit Steilwänden kamen wir mit 1:39 auf dem
achten Platz ins Ziel und waren mit unserer Leistung sehr zufrieden.

6. Tag: Die vermeintliche Königsetappe

Es starteten wieder alle Teams im Massenstart. Dies war die längste Etappe mit 146 km und 2350 m Steigung – solche Distanzen machen wir ja kaum einmal mit dem Rennrad
und jetzt sollte das nach bereits 5 Renntagen über z.T. üble Pisten gutgehen! Bei mir hatte sich zudem in den letzten Tagen ein schleimiger Husten entwickelt, wohl vom vielen
eingeatmeten Staub. Wir hatten grossen Respekt und beschlossen, die Sache relativ ruhig anzugehen. Vor allem
ich musste zu Beginn meinen von Chrige so genannten „Rennrössliinstinkt“ bändigen und nach dem Start nicht jeder Gruppe sofort folgen wollen. Offenbar gelang das relativ gut: Nach den eher flacheren ersten zwei Dritteln der Strecke (zu Beginn mit Rückenwind, bald aber mit üblem Seiten- und Gegenwind) flog Chrige fast die steinige Piste den legendären
Grönlandberg – das Haupthindernis des Tages – hinauf.
Plötzlich zischte es aus meinem Vorderrad. Scheisse: Loch im Pneu! Ich rief Chrige zu, dass ich einen Platten habe, aber sie hörte mich nicht. Ich hielt an, fand das Loch, presste den
Finger drauf und hielt es nach unten, damit die Dichtflüssigkeit reinfliessen konnte. Glücklicherweise funktionierte das sofort und schon wieder war ich Chrige auf den Fersen. Sie vernahm vom Zwischenfall erst im Ziel.

Über den Grönlandberg führte ein langer, ruppiger und steiniger Trail. Das war wieder unser Gelände und es war eine Freude wie Chrige die Konkurrenz links und rechts stehen liess. Schliesslich erreichten wir wieder bessere Naturstrassen und sausten den Berg hinab dem Ziel entgegen. Nach knapp 7 Stunden war dann auch diese Etappe überstanden. Wir
verbesserten uns dabei vom 10. auf den 9. Zwischenrang im Gesamtklassement der Mixed Kategorie.

Mein Zwischenfall mit dem Pneu sollte glücklicherweise unsere schwerste „Panne“ bleiben. Wir waren eines der wenigen Teams, das nicht zumindest einmal eine richtige Platte hatte.
An allen Etappen standen immer wieder Teams am Wegrand und schraubten irgendwas an einem ihrer Bikes rum – das Cape Epic ist ein ultimativer Materialtest. Unsere Lightrider hielten aber allem stand (fingen aber jeweils bei Etappenhälfte an zu klagen bzw. quietschen, wenn die Hinterbaugelenke so richtig viel Staub gesammelt hatten). Wir waren auch super froh, hatten wir vollgefederte Bikes. Es gab enorm viele 29er am Start, aber wir hätten unsere Fullys nie gegen ein 29er Hardtail eingetauscht.

7. Tag: Die wahre Königsetappe

Vor der zweitletzten Etappe fürchteten wir uns ein wenig, denn es galt mit 2700 m am meisten Steigung aller Etappen zu machen, bei 119 km. Es gab wieder Blockstart und wir reihten uns hinten im ersten Block (die ersten 150 Teams) ein. Gleich vom Start weg stieg die Strecke und führte wieder auf den Grönlandberg. Ich fühlte mich heute von anfang an schlapp – es kam einfach nichts aus den Beinen. Der Puls lag dabei im Bereich eines gemütlichen Ausdauertrainings, aber es fühlte sich sooo schwer an. Ich fixierte das Hinterrad von Chrige und war froh dranzubleiben.

Bald folgte die erste Abfahrt. Wir waren schneller unterwegs als die Teams vor uns, aber das Überholen gestaltete sich im ruppigen Gelände sehr schwierig. Als mir der Geduldsfaden
riss, versuchte ich es an einer blöden Stelle und rutschte prompt auf dem grobkiesigen Mittelteil zwischen den zwei Fahrrinnen mit dem Vorderrad aus. Ich konnte gerade noch
über den Lenker springen und nach zwei Sätzen durchs Gebüsch stand ich wieder beim Rad – aufspringen und weiter. Die Sache muss spektakulär ausgesehen haben, fragte mich doch die ganze Kolonne ob es wirklich gehe. Ich hatte aber ausser eines harten Schlags meines Pedals in die Wade
nichts abbekommen – nochmal Schwein gehabt. Nach ca. drei Stunden und einer zermürbenden mit Bremsrillen durchsetzten Berg- und Talfahrt kam bei mir plötzlich der Gong. Ich stopfte das Hungerloch nacheinander mit zwei von Dan’s Läuferwürstli, einem Energie-Gel und einem leckeren 🙁 Riegel. Zum Glück hatten wir gerade einen längeren Sandabschnitt und so gönnte ich mir eine Schiebepassage ohne allzu viel Zeit zu verlieren. Die nächste halbe Stunde hiess die Devise, Chriges Hinterrad nicht aus den Augen zu lassen und durchbeissen. Zum Glück kehrten die Kräfte einigermassen zurück und wir machten im Trott der heutigen Etappe weiter.
Die Steigungen wollten nicht aufhören und in der heissen Mittagssonne und auf den kiesigen Pisten fühlten sich 300 m rauf wie heimische 600 m an. Nach 80 km gabs dann Abwechslung: Dutzende von Kilometer extra für Biker angelegte Singletrails, die sich die Bergflanken runter (und natürlich rauf) schlängelten. Ohne 80% des Cape Epic in den Beinen ein phantastischer Genuss, aber auch so noch ganz unterhaltsam. Bald hörten wir den Zielspeaker im Tal unten, ca. einen km entfernt, aber die Kurssetzer hatten sich noch zig Singletrail-Extraschlaufen für uns ausgedacht. Man feuerte sich zwischen den Teams gegenseitig an und hielt durch. Nach
ziemlich genau 7 Stunden, unsere längste Etappe, schliesslich endlich das Ziel.

8. Tag: Die Schlussetappe

Mit 67 km und 1700 m Steigung war die Schlussetappe auf dem Papier ja ein wahres Dessert. Doch man warnte uns, die grosse Steigung zu Beginn und die darauf folgende Abfahrt seien brutal. Zum Glück war heute aber alles anders als gestern: Die Beine funktionierten wieder.

So reihten wir uns beim Massenstart gut ein und überholten bis zur ersten Passhöhe einige Teams, die sonst eher vor uns waren. Die Abfahrt war dann fast ein bisschen enttäuschend
einfach. Wir kamen gut voran und erreichten bald den Abbruch der Bergkante in die Ebene Richtung Cape Town. Hier mussten wir auf einem historischen Wagen-Wegstück eine zeitlang
obligatorisch zu Fuss gehen, bevor wir auf einen letzten coolen Singletrail losgelassen wurden. Die letzten 25 km zogen sich dann doch noch ziemlich dahin, aber nach 3:45 war das Cape Epic Abenteuer geschafft!

Fazit

Insgesamt gesehen sind wir gut über die Runden gekommen und hatten zum Glück keine technischen Defekte oder starken physischen Einbrüche. Auch wenn wir nicht gerade unseren
Tag hatten, gelang es uns doch, regelmässig durchs Rennen zu kommen. Wir hatten uns das Cape Epic immer hart vorgestellt, aber es war dann noch ein ganzes Stück härter als gedacht, trotz einer sehr guten Vorbereitung darauf. Wir waren auch ab der ausgeprägten Rennathmosphäre erstaunt: Alle schienen immer alles zu geben und voll zu kämpfen, auch noch am letzten Tag. Wir waren knapp 40 Stunden unterwegs und sind mit unserem 9. Schlussrang (von 55 Mixed Teams, bzw. 117. von 600 Teams insgesamt) sehr zufrieden. Die ersten zwei Mixed-Teams mit den Schweizerinnen Esther Süss (Marathon-Weltmeisterin) und Ariane Lüthi waren eine Klasse für sich. Zu allen anderen vorne klassierten Mixed Teams hatten wir an mindestens einer Etappe Kontakt.

Ob wir nächstes Jahr wieder dabei sind? Never say never…

Es gab natürlich auch viele Dramen am Cape Epic. Hier einige wenige davon:

– Die Hoffnungsträger der Südafrikaner (als reines südafrikanisches Team) schieden nach minutiöser Vorbereitung und grossem Medien-Trara bereits in der ersten Etappe aus, als sich Kevin Evans bei einem Sturz das Schlüsselbein brach.

– OL-Läufer und Gigathlon-Organisator Corsin Caluori trat mit Gigathlon-Sieger Benny Lindberg an. Benny stürzte ebenfalls in der ersten Etappe und blieb mit gebrochenenSchlüsselbein und Rippen bewusstlos liegen. Nachdem er geborgen wurde, setzte
Corsin das Rennen als Single fort (man fährt dann ausser Konkurrenz). In der zweiten Etappe kam er völlig dehydriert noch knapp ins Ziel. Es gelang ihm aber, das Rennen an den
folgenden Tagen vorsichtig fortzusetzen und schliesslich finishte er auch.

– Das Schweizer Profiteam Stöckli lag nach 5 Etappen auf dem 4. Platz super im Rennen, als Konny Looser stürzte und seinen Carbon-Rahmen entzweibrach. Er musste die letzten 20 km ins Ziel Rennen. Sein Partner Urs Huber stürzte auf diesem Rückweg so unglücklich, dass er sich den Arm brach und am nächsten Tag nicht mehr antreten konnte.

– Ein mir namentlich nicht bekannter Fahrer, der als einer der wenigen bisher alle Cape Epics beendet hat, fuhr trotz Schlüsselbeinbruch mehrere Etappen weiter, damit er auch diese Ausgabe beenden konnte.

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